Märchenhaft, legendär und absolut einma(h)lig

Ein Rücklick auf das 2. Bremer Running Dinner


Hätten das die alten Märchenkönige, all die Väter bezaubernd schöner Prinzessinnen damals schon gewusst, so manche Heirat wäre anders arrangiert worden. Dann wär’ kein verliebter Jüngling in der Hoffnung, seine Geliebte zu erobern, geradewegs ins Verderben marschiert. Niemand hätte sich aufgemacht, wertvolle Juwelen aus unheimlichen stockfinsteren Höhlen zu bergen und Drachen wären vielleicht niemals erfunden worden. Ein einfaches Running Dinner hätte die Märchengeschichte umkrempeln können. Doch die Erkenntnis kam zu spät für die Verehrer der grazilen Gundula, der eleganten Edeltraud und Hildrun, der Herzlichen: Wahre Helden kann nur Mousse au Chocolat hervorbringen.

Zugegeben: Anstelle von „heldenhaft“ schleicht sich auch schnell das Wort „archaisch“ ein, hört man, dass ein Mann mit purer Muskelkraft 250 ml Sahne und sechs Eiweiß steif schlägt: „Du jagst das Mammut, ich mach’ Nachtisch“? – Nein, wir schreiben das Jahr 2010, Zeitmaschinen sind nicht in Sicht. Eine einfache WG-Küche in der Bremer Neustadt. Zwei Männer, eine Aufgabe: Nachtisch für sieben Personen. Die Idee: Mousse au Chocolat. Das Problem: kein Mixer. Lösung: siehe oben. Ergebnis: Heldenstatus. Und sagenhaft leckeres Mousse.

Das zumindest kristallisierte sich auf der großen After-Dinner-Party als einhelliges Echo heraus. Bei Apfelschorle und auch Bier und Wein trafen dort knapp vierzig große und kleine Kochkünstler nach drei Deluxe-Gängen wohlgesättigt (wieder) aufeinander und frönten dem fröhlichen Austausch von Erlebtem, Sinnvollem, Absurdem – und vielleicht auch von Rezepten. Zumindest wimmelte es nur so von interessanten Essens-Berichten: Ziegenkäse und Birne in Blätterteig, türkischer Nachtisch mit unbekanntem Namen, malaysische Melonendrinks, indisches Kichererbsen-Puten-Gericht mit türkischem Brot.

Doch noch während sich in Gedanken die exotischen Geschmacksnoten erneut auf der Zunge verteilen, stellt sich die Frage, ob da nicht vielleicht doch noch mehr Helden geboren sind als die beiden muskulösen Mousse-Mixer.

Schon ganz zu Beginn. Denn 36 Personen in 15 Kochgruppen mal drei Gänge, das machte 108 kleine bunte Papierschnipsel, die in der Vorbereitung sinnvoll gruppiert werden wollten. Eine organisatorische Herausforderung, die es locker mit dem Labyrinth des Minotaurus aufnehmen konnte: Welche Vorspeise-Gruppe bekocht welche Hauptspeise- und Dessertgruppen? Wer isst wo seinen Hauptgang und in welchen Küchen gibt’s Nachtisch? Wer muss wann wohin fahren, geht das mit öffentlichen Verkehrsmitteln und reicht die Zeit aus?

Oder all die verrückten Lebensmittelallergien, die keimfreie Kindheiten und andere gesellschaftlichen Entwicklungen hervorgebracht haben! Nachtisch für Paprika-Allergiker ist halb so wild. Aber eine Hauptspeise ohne Weizen, Milch und Eiern? Not macht erfinderisch und ist die Quelle aller Kreativität: Die selbstgemachten Gnocci sahen zwar anders aus als die, die man aus Rewe und Netto kennt, schmeckten aber – natürlich! – auch tausendmal besser.

Und so könnte man fortfahren, Heldenepen niederzuschreiben, bis der virtuelle Speicher dieser Seite mit einem virtuellen „Pffff“ platzen würde. Doch wieso die Mühe? Es endet doch ohnehin in einem Seufzer: Ach, gäbe es doch heute noch mehr von diesen ergraut-faltigen weisen Herrschern auf der Suche nach wahren Heldinnen und Helden! Staatsbankett in großen Sälen, silbernes Besteck und Teller mit Goldrand. Dazu wir, energiegeladene Nachwuchs(-küchen)-helden mit dem absoluten Willen zur kulinarischen Höchstleistung … ein Traum, so weit entfernt wie der Pluto von Schmidts Katze. Tun wir schlussendlich also das, womit es doch irgendwie immer endet: uns in die guten alten Zeiten zurücksehnen.

Zumindest bis der Termin fürs nächste Running Dinner steht.

Autor: ankefi

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: